Otto Kaltenbach, inzwischen längst im Ruhestand und wohnhaft in Rommelshausen, hat aber genau so etwas einmal erlebt. Und in gewisser Weise ist der 77-Jährige genau das: ein Superheld. In rund 56 Jahren hat er 90 Liter Blut gespendet. Was treibt ihn an?
Der 77-Jährige ist topfit und hat eine seltene Blutgruppe
Anfang Februar geht bei uns in der Redaktion ein Anruf ein, ein älterer Herr ist auf der anderen Seite. Sein Name ist Kaltenbach, Otto Kaltenbach, sagt er. Er gehe am 17. Februar Blutspenden in Kernen - und zwar schon zum 180. Mal. Ob wir dazukommen wollen? Bei der Frage, ob wir das Interview vor oder nach der Spende machen wollen, meint er nur: Wir sollen einfach ins Archiv schauen. Und tatsächlich: Unter seinem Namen tauchen eine ganze Menge Artikel, Meldungen und Pressemitteilungen auf, teilweise zehn Jahre alt oder älter. „Rekord: 100 Mal blutgespendet“, steht dort. Oder: „Otto Kaltenbach, König der Blutspender“. Zuletzt hat sich unsere Redaktion vor sieben Jahren mit dem damals 70-Jährigen unterhalten, damals hatte er schon 158 Spende-Termine besucht. Sein damaliges Ziel: Mindestens 175 Blutspenden schaffen, bevor er dafür zu alt ist.
Bis vor einigen Jahren gab es für Spender nämlich noch eine Altersbegrenzung, die zunächst nach oben gesetzt und schließlich ganz abgeschafft worden ist. Deswegen hat der Rommelshäuser nicht nur die 175., sondern jüngst die 180. Spende geschafft, er würde gerne sogar 200 schaffen - das wären dann insgesamt 100 Liter Blut, die Menschen in Not zugutekommen können. „Wenn es so bleibt, mache ich weiter“, sagt der rüstige Senior, als unsere Redaktion ihn schließlich bei seinem Termin für die 180. Spende bei der DRK-Aktion im Kernener Bürgerhaus trifft. Ob er fürs Spenden noch gesund genug ist, entscheidet jedes Mal ein Mediziner vor Ort. Bis jetzt habe es noch nie irgendeinen Einwand gegeben, sagt Otto Kaltenbach. Er ist sehr gesund, das einzige Medikament, das er nimmt, ist für die Schilddrüse - das ist laut DRK kein Hinderungsgrund. „Mir ist auch noch nie schlecht geworden“, sagt der 77-Jährige. Er ist auf der Liege so fröhlich und entspannt, wie andere es vielleicht während einer Wellness-Behandlung wären. Er weiß, dass sein Beitrag fürs Gesundheitssystem sehr wichtig ist: Denn er hat eine seltene Blutgruppe, A Rhesus negativ. Deswegen damals auch die Notfallabholung mit dem Hubschrauber, erklärt er.
Sechs Mal im Jahr Blut abnehmen lassen war die Regel
Zum Blutspenden ist Otto Kaltenbach im Alter von 21 Jahren gekommen, damals ging er noch zur Schule, in seiner Heimat Mittelfranken. Ein Mitschüler hat ihn damals mitgenommen, ihm gesagt, wie wichtig Blutspenden sind. Weil das erste Mal für ihn ein positives Erlebnis gewesen sei, ist er einfach dabei geblieben. Auch, als er in den 1970ern von Mittelfranken nach Rommelshausen umgezogen ist. Meistens sechsmal Jahr stand Otto Kaltenbach bei den Spende-Aktionen des DRK auf der Matte, so oft, wie er eben darf. Zwischen den Blutspenden muss nämlich immer eine Pause von mindestens 56 Tagen eingehalten werden. Das 181. Mal Spendengehen darf der Rommelshäuser also frühestens wieder am 14. April 2026 - er notiert sich das Datum direkt. Dann will er beim DRK anrufen und nach dem nächsten Termin fragen.
Da ist der 77-Jährige absolut diszipliniert. Nur während der Pandemie hat er kurz ausgesetzt. Und seit ein paar Jahren kommt er im Jahr nicht mehr ganz auf sechs, sondern nur noch auf fünf Blutspenden - so oft findet im Bürgerhaus Kernen eine Spendenaktion statt. Als er noch jünger war, ist Otto Kaltenbach nicht nur in Kernen, sondern im ganzen weiteren Umkreis bei Terminen erschienen - einmal sogar in Bad Wurzach in Oberschwaben, weil er dort gerade zur Kur war. „Sind Sie extra hergefahren, wegen der Blutspende?“, sei er dort verwundert gefragt worden, erzählt er lachend. Sein liebster Spenden-Termin in all den Jahren? „In Bad Wurzach und in Althütte“, sagt der Senior. Aber hier in Kernen fühlt es sich auch sehr wohl.
Nächste Blutspender-Ehrung erst 2027
Auch seine 180. Blutspende steckt der 77-Jährige ganz entspannt weg. Viele vom DRK-Ortsverein kennen den rüstigen Senior schon. Gibt es viele so überzeugte Wiederholungstäter wie ihn? „Das sind wirklich die ganz seltenen“, sagt die DRK-Mitarbeiterin, die die Blutentnahme überwacht. Otto Kaltenbach überhole sie alle - „und man darf ja jetzt auch bis 99 Jahre spenden.“ Vorausgesetzt, die Gesundheit macht mit. Ans Aufhören denkt der Kernener auf jeden Fall noch lange nicht. Die 200 würde er wirklich gerne noch vollmachen. Ein bisschen Sportsgeist und eine ganze Portion Ehrgeiz gehören für ihn nämlich durchaus auch dazu.
Ein bisschen geknickt ist der Senior, dass er für seine 175. Spende noch keine offizielle Ehrung durch den Bürgermeister erhalten hat. Das hat aber mit dem zweijährigen Intervall der feierlichen Blutspender-Ehrungen im Bürgerhaus zu tun, die für einen gewissen zeitlichen Versatz sorgen. Für die 150. Blutspende, die Otto Kaltenbach laut ZVW-Archiv Ende 2017 gegeben hat, verlieh ihm der damalige Kernener Bürgermeister Stefan Altenberger 2019 die Blutspender-Ehrennadel in Gold mit goldenem Eichenkranz. Die letzte Blutspenderehrung in Kernen fand im Frühjahr 2025 statt, dafür hat es mit der 175 gerade nicht mehr gereicht. Also ist es erst in etwas mehr als einem Jahr wieder so weit. Auf Nachfrage unserer Redaktion bestätigt die Gemeinde aber, dass Otto Kaltenbach dafür bereits auf der Liste steht - übrigens gemeinsam mit noch einem weiteren engagierten Lebensretter aus Kernen, der dann ebenfalls für 175 Blutspenden ausgezeichnet werden soll.
